Mein Werdegang zum homöopathischen Arzt
Von Dr. med. Dietrich Berndt
Mein klinisches Studium brachte mich frühzeitig, vor allen Dingen unter Prof. v. Bergmann in Berlin und unter Prof. Rössle, sowie unter dem Physiologen Prof. Schneider mit der dem klinischen Schematismus entgegen strebenden Denkweise der funktionellen Pathologie in engen Kontakt. Meinem schon seit der Kindheit wachen Interesse fügte sich die funktionelle Pathologie in harmonischer und günstiger Weise ein. Beides zusammen ist wohl richtungsbestimmend für mein weiteres ärztliches Denken und Handeln geworden.
Unter den besonderen Verhältnissen der vierjähren ärztlichen Tätigkeit in russischer Kriegsgefangenschaft und der dortigen Not sowohl in gesundheitlicher Hinsicht als hinsichtlich der therapeutischen Handlungsmöglichkeiten (z. B. Medikamentenmangel) entwickelte sich, ich möchte annehmen, zwangsläufig, eine ausgesprochene Tendenz zu »therapeutischem Positivismus«. Leider hatte ich vor oder in dieser Zeit nicht das Glück, geistige Berührung mit der Homöopathie zu bekommen.
Nach meiner Heimkehr 1948 war ich aus wirtschaftlichen Gründen und auch aus Neigung gezwungen, mich sogleich in eigener Praxis niederzulassen. Im Laufe des Jahres 1949 bekam ich die Kassenzulassung und geriet alsbald in die sattsam bekannte Knochenmühle des Kassenunwesens. Das Unbefriedigende dieser Tätigkeit brachte mich schier zur Verzweiflung, und ich stand im Begriff, entgegen meiner ursprünglichen Denkungsart in einen weitgehenden therapeu-tischen Nihilismus abzugleiten. In dieser fast verzweifelten Situation geriet mir im Januar 1950 durch Zufall Stiegeles »Klinische Homöopathie« in die Hand.
Im Zusammenhang mit dem eingangs Gesagten fühlte ich mich beim Lesen dieses Werkes wie selbstverständlich in Denkungsweise und therapeutischen Weg der Hahnemannischen Homöopathie geradezu gedrängt. Neben Stiegele beschaffte ich mir nun eiligst Mezgers Arzneimittellehre und noch zahlreiche weitere einschlägige Werke (Stauffer, Nash Royal, Kent, Clarke, Quilisch), beschäftigte ich mich mit der Geschichte der Homöopathie (Tischner) und las das »Organon« (6. Aufl.) und abbonnierte die einschlägigen Zeitschriften. Gleichzeitig begann ich mich in meiner Therapie unter ungeheuren geistigen und körperlichen Strapazen ohne jegliche sonstige Hilfe rein autodidaktisch in die praktische Ausübung der Homöopathie im Rahmen der Sprechstunde und Besuchstätigkeit einzuarbeiten. Mein Beginnen war insofern besonders begünstigt, als ich von Anfang an sehr zahlreiche, auffallende therapeutische Erfolge und so manch Überraschung erleben durfte. Hier muß ich einflechten, daß ich im Grunde sehr kritisch veranlaßt bin und die notwendige Kritik und auch Selbstkritik in meiner Therapie nie außer Acht gelassen zu haben glaube. Weiterhin betone ich, daß ich in diesem Sinne und um mir selbst eine einwandfreie Beobachtung zu ermöglichen, immer nur Einzelmittel verwendet habe. Im Bestreben, meinen homöopathischen Horizont zu erweitern, fuhr ich Mitte Mai 1950 nach Stuttgart und hospitierte einige Wochen im Robert-Bosch Krankenhaus. Dabei erlebte ich die Freude, feststellen zu dürfen, daß ich mich in meiner rückliegenden Ausübung der Homöotherapie auf einen durchaus akkuraten und richtigen Wege befunden hatte. In den folgenden Jahren bis jetzt setzte ich das Begonnene fort und nahm zwischendurch 1952 im Mai an einem Fortbildungskursus teil. Auch dort durfte ich wieder feststellen, daß ich mich in rebus Homöopathie recht weit entwickelt hatte. Der Kursus als solcher brachte mir rein wissenschaftlich wenig Neues, mehr hingegen der Meinungsaustausch mit den dort versammelten Teilnehmern und Vortragenden .
Der Vollständigkeit halber möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß ich den Begriff Homöopathie den Patienten meiner großen Praxis gegenüber höchst selten mal erörtert habe. Ich habe jetzt jahrelang ganz schlicht und zielstrebig exakte Homöotherapie getrieben, und verdanke somit allein dieser Tatsache einen – wie ich zu meiner eigenen Freude beobachten darf – sicherlich unumstrittenen Ruf als Therapeut.
Als Mensch und als wissenschaftlich denkender prakt. Arzt sehe ich mich, getrieben durch meine eigene Initiative und gezogen, sowie dauernd erneut angespornt durch die beobachteten Tatsachen, unabänderlich in die Gemeinschaft der homöopathischen Ärzte gestellt. So ist es nicht mehr als konsequent, wenn ich jetzt den Wunsch habe, auch äußerlich den Titel des homöopathischen Arztes zu führen, worauf ich, vorbehaltlich des noch abzulegenden Colloquiums und Abschluß der Arzneimittelprüfung, ein durch harte Arbeit und anstrengendes Bemühen wohlerworbenes Recht zu besitzen glaube.
Edesheim, den 28.3.54