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Abschied von Dietrich Berndt
Von Dr. med. Max Tiedemann

In einem Vortrag vor der 21. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Erfahrungsheilkunde in Ulm 1961 (KH 1/1962) sagte Dietrich Berndt: »Seit langem kennen wir viele hart, oft sehr hart miteinander streitende Religionen, Konfessionen und Sekten. Allen gemeinsam ist unbestreitbar eine einzige Erkenntnis: Nämlich die, daß man durch, und nur durch Leiden erlöst, das heißt auch: geheilt werden könne. Eben jene enge, dornige, unbequeme, steile Leidensstraße führt zur Erlösung, zur Heilung...«

In diesen Worten hat er sich selber dargestellt, wie man ihn nicht besser schildern könnte.

In dieses Leben, das am 9. August 1916 in Glogau in Schlesien begann und am 26. Februar 1985 in Göttingen endete, hatte er die Aufgabe mitbekommen, immer den schwierigsten Weg zu gehen, und er ist ihn getreulich gegangen. Immer im Alleingang oder nur auf kurzen Wegstrecken mit Gleichgesinnten um der Sache willen verbunden.

Viel wissen wir nicht aus seiner Jugend. In seinen Berichten tauchen einzelne Episoden auf, wie ein Hungerstreik in russischer Kriegsgefangenschaft, den er allein so lange durchhielt, bis für seine Lagergenossen bessere Verpflegungssätze zugesagt wurden. Nachdem ihm die Medizin trotz emsiger Studien, aus denen er große Sachkenntnisse gewann, zu viele Fragen offen ließ, wandte er sich der Homöopathie zu und fand hier seine Lebensaufgabe. Sowohl das ihr zugrundeliegende Menschenbild, als auch technische Details der Arzneibereitung und Mittelwahl leuchteten ihm ein.

Bis zur letzten Konsequenz gründlich, wie er alle Probleme anging, erwarb er auch das Recht zum Selbstdispensieren homöopathischer Arzneien nach einer preußischen Kabinettsordre, die bald danach aufgehoben wurde. 20 Jahre lang hat er seine Arzneien selbst hergestellt und abgegeben und jahrelang im Verein selbstdispensierender Ärzte als Geschäftsführer gewirkt.

Zu Hahnemann finden sich manche Ähnlichkeiten. Im Phänotyp waren sich die beiden kleinen Männer mit den großen, kahlen Köpfen ähnlich, ebenso in der unermüdlichen, bohrenden Beharrlichkeit, mit der sie ihren Zielen nachgingen und ihre großen Erfolge erzwangen. Der ständige Alleingang, Berndt war in der klassischen Homöopathie weitgehend Autodidakt, gab es doch zu seiner Anfangszeit nur wenige in Deutschland, von denen er lernen konnte, sowie die Bedingungslosigkeit, mit der er sich allen Anfeindungen und therapeutischen Problemen stellte, zeigen die geistige Verwandtschaft mit seinem großen Vorbild. Auch bei infausten Fällen ließ er nicht locker und konnte dadurch neben Enttäuschungen viele erstaunliche Erfolge erzielen.

Wie klar er dabei die Homöopathie und ihr geistiges Rüstzeug durchdrungen hat, zeigen die vielen Kasuistiken und Arzneimittelbilder, die er uns vortrug und veröffentlichte. Sie sollen jetzt gesammelt herausgegeben werden.

Bei seiner geradezu bedingungslosen, fast unmenschlichen Zielstrebigkeit blieb für sein Privatleben und die Familie kein Raum. Im konsequenten Alleingang ging dieses Leben nun zu Ende, verehrt von vielen Patienten, die sich seiner auch tätig annahmen. Immer wieder suchte er verzweifelt nach einem passenden Mittel für sein Leiden. Zum Schluß konnte er dann, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben loslassen. Ohne Bitterkeit übergab er bei völliger geistiger Klarheit seine geliebte Praxis einer jungen Kollegin, die er zwei Jahre lang systematisch darauf vorbereitet hatte. Berichte über seine letzten Tage lassen an die »Erlösung durch das Leiden« denken.

Dietrich Berndt war einer jener Virtuosen, die das Instrument der Homöopathie mit Meisterschaft zu spielen verstanden, zum Wohle seiner Patienten und seinen Kollegen zum Vorbild. Wer ihn etwas näher kannte wird den »kleinen Hahnemann« nicht vergessen.

Dr. med. Max Tiedemann
Allg. Homöopathische Zeitschrift 230 (1985) 126 - 128




Wer war Dietrich Berndt? Dazu finden sie hier drei Antworten:

Dietrich Berndt: Mein Werdegang zum homöopathischen Arzt
In: D. Radke (Hg.) D. Berndt, Gelebte Homöopathie. Barthel-Verlag, Berg, 2. Aufl. 1987.

Dagmar Radke: Nachruf auf Dietrich Berndt
Dt. Journal . f. Homöopathie 4 (1985) 192.

Max Tiedemann: Abschied von Dietrich Berndt
Allg. Homöopathische Zeitung 230 (1985) 126-128.

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